Was ist ein ETF-Entnahmeplan?
Ein ETF-Entnahmeplan ist das Gegenstück zum Sparplan: Statt jeden Monat Anteile zu kaufen, verkaufst du jeden Monat Anteile und lässt dir den Erlös aufs Girokonto überweisen. Der Rest deines Depots bleibt investiert und kann weiter wachsen. So entsteht aus deinem Vermögen ein regelmäßiges Zusatzeinkommen – etwa, um die Lücke zwischen gesetzlicher Rente und Lebenshaltungskosten zu schließen.
Gerade für Frauen ist das ein wichtiges Thema: Durch Teilzeit, Care-Arbeit und Gehaltsunterschiede fällt ihre Rente im Schnitt deutlich niedriger aus – mehr dazu in Die Rentenlücke, über die niemand spricht. Wer früh mit einem ersten ETF-Sparplan beginnt, braucht später einen durchdachten Plan fürs Entnehmen.
Vermögen aufbauen ist die eine Hälfte – es klug wieder zu entnehmen, die andere.
Die 4-Prozent-Regel einfach erklärt
Die bekannteste Faustregel stammt aus US-Studien der 1990er-Jahre: Wer im ersten Jahr 4 % seines Depots entnimmt und diesen Betrag danach jährlich an die Inflation anpasst, hätte in historischen Szenarien über 30 Jahre mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht sein ganzes Geld aufgebraucht. Die Regel ist ein guter Startpunkt, aber keine Garantie.
| Depotwert | 3,5 % pro Jahr | 4 % pro Jahr |
|---|---|---|
| 100.000 € | ca. 292 € / Monat | ca. 333 € / Monat |
| 250.000 € | ca. 729 € / Monat | ca. 833 € / Monat |
| 500.000 € | ca. 1.458 € / Monat | ca. 1.667 € / Monat |
Wichtig: Die Studien beziehen sich auf US-Märkte und einen Zeitraum von 30 Jahren. Wer früher in Rente geht, mit einem längeren Ruhestand rechnet oder vorsichtiger planen möchte, orientiert sich eher an 3 bis 3,5 %.
Drei Strategien für die Entnahme
Feste monatliche Summe
Du entnimmst jeden Monat denselben Betrag, eventuell jährlich an die Inflation angepasst. Vorteil: planbares Einkommen. Nachteil: In schwachen Börsenjahren musst du vergleichsweise viele Anteile verkaufen, was das Depot stärker belastet.
Fester Prozentsatz vom Depot
Du entnimmst jedes Jahr einen festen Prozentsatz des aktuellen Depotwerts. Das Depot kann so nie ganz aufgebraucht werden, dafür schwankt dein Einkommen mit der Börse. Viele kombinieren beide Ansätze mit Ober- und Untergrenzen.
Kapitalverzehr oder Kapitalerhalt
Beim Kapitalverzehr planst du, das Vermögen bis zu einem bestimmten Alter aufzubrauchen – das ermöglicht höhere Entnahmen. Beim Kapitalerhalt entnimmst du nur so viel, dass das Vermögen langfristig erhalten bleibt, etwa zum Vererben. Welcher Weg passt, hängt von deinen Zielen und deiner Absicherung durch die gesetzliche Rente ab.
Das größte Risiko: ein Crash zu Beginn
Besonders gefährlich ist ein starker Kurseinbruch in den ersten Jahren der Entnahme – Fachleute sprechen vom Rendite-Reihenfolge-Risiko. Wer dann Anteile zu niedrigen Kursen verkaufen muss, reduziert sein Depot dauerhaft stärker, als es später wieder aufholen kann.
Steuern beim ETF-Entnahmeplan
- Nur Gewinne werden besteuert: Beim Verkauf zahlst du Abgeltungsteuer (25 % plus Soli und ggf. Kirchensteuer) nur auf den Gewinnanteil, nicht auf deine Einzahlungen.
- Teilfreistellung: Bei Aktien-ETFs bleiben 30 % der Erträge steuerfrei.
- Sparer-Pauschbetrag: 1.000 € Kapitalerträge pro Jahr (2.000 € bei Zusammenveranlagung) sind steuerfrei – stelle einen Freistellungsauftrag.
- Reihenfolge beim Verkauf: Es gilt das First-in-first-out-Prinzip, die ältesten Anteile werden zuerst verkauft – sie haben oft den höchsten Gewinnanteil.
- Günstigerprüfung: Bei niedrigem Einkommen im Ruhestand kann sich die Steuererklärung lohnen – Grundlagen in Steuererklärung für Anfängerinnen.
Depot vor der Entnahme umschichten?
Ein reines Aktien-Depot schwankt stark. Viele reduzieren deshalb einige Jahre vor dem Entnahmestart schrittweise den Aktienanteil zugunsten sicherer Anlagen wie Tagesgeld oder Anleihen. Du musst aber nicht alles umschichten: Weil ein Teil des Geldes noch 20 oder 30 Jahre angelegt bleibt, spricht viel dafür, weiter breit gestreut in Aktien investiert zu bleiben – etwa über einen Welt-ETF, wie in MSCI World oder FTSE All-World erklärt.
In 5 Schritten zum eigenen Entnahmeplan
- Bedarf ermitteln: Wie viel Geld fehlt dir monatlich zusätzlich zur gesetzlichen Rente?
- Entnahmerate festlegen: Eher vorsichtig mit 3–3,5 % starten, bei kürzerem Zeitraum etwas mehr.
- Cash-Puffer aufbauen: Ein bis drei Jahresausgaben sicher parken.
- Entnahme automatisieren: Viele Broker bieten Entnahme- oder Auszahlpläne an – prüfe das bei deinem Anbieter. Alternativ verkaufst du regelmäßig selbst.
- Jährlich überprüfen: Entnahmerate, Puffer und Depotaufteilung einmal im Jahr anpassen.
Häufige Fragen zum ETF-Entnahmeplan
Ab welchem Depotwert lohnt sich ein Entnahmeplan?
Eine feste Untergrenze gibt es nicht. Ein Entnahmeplan lohnt sich immer dann, wenn du dein Vermögen in ein regelmäßiges Einkommen verwandeln möchtest. Bei kleineren Depots ist der Effekt entsprechend überschaubar – die Tabelle oben gibt eine Orientierung.
Ist die 4-Prozent-Regel in Deutschland sicher?
Sie ist eine historische Faustregel aus US-Daten, keine Garantie. Für deutsche Anlegerinnen mit weltweit gestreuten ETFs und langen Ruhestandsphasen gelten 3 bis 3,5 % als vorsichtigere Richtgröße.
Sind ausschüttende oder thesaurierende ETFs besser für die Entnahme?
Beides funktioniert. Ausschüttende ETFs liefern regelmäßig Geld ohne Verkauf, thesaurierende erfordern Anteilsverkäufe. Steuerlich und von der Rendite her ist der Unterschied meist gering – entscheidend ist, was für dich bequemer ist.
Wie viel Steuern zahle ich beim Entnahmeplan?
Steuern fallen nur auf den Gewinnanteil der verkauften Anteile an, abzüglich 30 % Teilfreistellung bei Aktien-ETFs und bis zur Höhe des Sparer-Pauschbetrags gar keine. Bei vielen Entnahmeplänen ist die tatsächliche Steuerlast deshalb deutlich niedriger als befürchtet.
Fazit: mit Plan von den Erträgen leben
Ein ETF-Entnahmeplan verwandelt dein Depot in eine flexible private Rente. Mit einer vorsichtigen Entnahmerate von 3 bis 4 %, einem Cash-Puffer gegen Börsencrashs und einem Blick auf die Steuern kannst du viele Jahre von deinem Vermögen leben, ohne es vorschnell aufzubrauchen. Überprüfe den Plan jährlich – und hol dir bei größeren Summen im Zweifel unabhängige Beratung.
Passend dazu: Wann Einmalanlage statt Sparplan sinnvoll ist, erklärt Sparplan oder Einmalanlage.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung. Angaben zu Steuern entsprechen dem allgemeinen Stand und können sich ändern. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden.

